600. Bremer Montagsdemo
am 16. 01. 2017  I◄◄  ►►I

 

Möglichkeiten und Macht der Montagsdemonstrationen

Helmut MinkusHeute an diesem kalten Tag findet die Bremer Montagsdemo zum 600. Mal statt. Dafür möchte ich den Initiatoren und Aktivisten gratulieren und allen Beteiligten meine Anerkennung aussprechen! Seit am 18. August 2004 die „Peter-Hartz-Gesetze“ bekannt wurden, finden die Montagsdemonstrationen statt, fast immer hier auf dem Marktplatz. Einige Kollegen sind von Anfang an dort, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit – ich selbst erst seit dem 2. Mai 2011, nachdem am 11. März die Fukushima-Katastrophe bekannt wurde und am 26. April des 25. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe gedacht wurde.

Da hat es mir gereicht, weil ich so wütend und frustriert war wegen der maßlosen Lügen und der Skrupellosigkeit, von deren Folgen wir alle betroffen sind, sodass ich auf die Straße gehen musste, um zu protestieren. Wenn Ihnen heutzutage noch ein Atom-Stromer erzählen würde, ein „Super-GAU“ in einem Atomkraftwerk passiere nur alle paar Tausend Jahre mal, würden Sie das wohl nicht mehr glauben und ihn vielleicht auslachen.

Wenn es nur um die Technik ginge, wäre das fast sogar glaubhaft. Aber es gibt da unzuverlässige Menschen, die Kraftwerke bedienen oder gar Irrsinnige Scheißkerle (IS), die sie bedrohen. Es gibt Naturkatastrophen wie beispielsweise Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, die nicht einkalkuliert sind. So wird auf jedem Gebiet gepfuscht, vertuscht, weiter gelogen und das Ganze dann mit möglichst großem Gewinn verkauft. Wenn Ihnen jemand sagt, ohne Atomstrom gingen „die Lichter“ aus, dann ist es ähnlicher Unsinn, wie wenn ein Autohersteller etwas über die Schadstoffemissionen seiner Fahrzeuge erzählt.

Wenn Chemiekonzerne damit werben, durch Gentechnik „den Hunger in der Welt abschaffen“ zu können, oder wie ertragssteigernd es sei, Hunderte Arten von Chemikalien zur „Verbesserung unserer Lebensmittel“ in der Landwirtschaft zu verbreiten, dann ist das gelogen. Was geschieht mit Insekten wie Bienen? Warum sind in Argentinien so viele Kinder in ländlichen Gegenden krank oder missgebildet zur Welt gekommen?

Wenn Ihnen ein Autohändler erzählt, Elektroautos hätten keine Kohlendioxidemissionen, dann fragen Sie mal, wo die Akkus aufgeladen werden sollen. In das deutsche Stromnetz wird noch immer zu 46 Prozent Strom aus Kohlekraftwerken eingespeist. Was ist daran sauber oder gar null? Wenn behauptet wird, dass pro Jahr 36 Milliarden Tonnen Kohlendioxid durch fossile Verbrennung in die Atmosphäre gelangen, dann brauchen wir es zwar nicht zu glauben, und wir können es auch nicht selbst nachprüfen. Aber beteiligt sind wir alle daran, rein rechnerisch mit „nur“ 4,5 Tonnen.

Gehen wir jedoch mit dieser Betrachtung umgekehrt vor und fangen bei uns selbst an, dann können wir das Ganze auch selbst leicht nachprüfen: Mit jedem Liter Treibstoff für Heizung oder zum Autofahren werden etwa drei Kilogramm Kohlendioxid erzeugt. Stellen Sie fest, wie viel Liter Benzin Sie pro Jahr verbrauchen und nehmen das mal drei. Das Ergebnis folgt einem Naturgesetz, die Verbrennung ist ein chemischer Vorgang. Beide sind weder abhängig von politischen Parteien noch von juristischen Entscheidungen noch von unsinnigen Messmethoden. Da werden keine Abgasmess-, Manipulations- und Betrugsgesetze gebraucht!

Wenn Ihnen jemand erzählt, dass jeden Montag um 17:30 Uhr auf dem Bremer Marktplatz bei jedem Wetter die Montagsdemonstration stattfindet, dann brauchen Sie das auch nicht zu glauben, sondern können es ebenfalls nachprüfen. Wenn vielleicht gesagt wird, da sei „nichts los“, dann können Sie das leicht feststellen, indem Sie einfach vorbeikommen. Wenn tatsächlich „nicht viel los ist“, kann das zum Teil auch daran liegen, dass Sie selbst sich nicht daran beteiligen.

Vielleicht ist das, was gerade gesagt wird, für Sie uninteressant, doch es gibt auch eine Website, auf der Sie jede Woche einige Beiträge nachlesen können, seit dem 18. August 2004. Sie können selbst einen Beitrag liefern oder eines Ihrer elementaren Grundrechte wahrnehmen, indem auch Sie hier öffentlich Ihre Meinung sagen und was Ihnen nicht gefällt, in Deutschland, in der Welt, an unserer Politik, am Banken- oder Wirtschaftssystemen, an der Volksverdummung oder den Verbrechen an der Menschheit.

Wir praktizieren hier Demokratie, indem wir unseren Politikern deutlich sagen, was wir wollen. Das können und dürfen nicht nur Lobbyisten! Wenn unsere Politiker es nicht schaffen, das zu machen, wozu wir sie gewählt haben, müssen wir uns selbst darum kümmern. Machen wir Politik auf der Straße oder beteiligen wir uns als Parteilose an einem Wahlbündnis, wie es bei der MLPD möglich ist. Aber auch andere Nichtregierungsorganisationen (NGO) haben politischen Einfluss, den wir alle mitgestalten können.

Helmut Minkus (parteilos)
 
Mitleid für die desolate NPD: Die „Gralshüter der Demokratie“
erteilen deren Todfeinden einen Freibrief („Spiegel-Online“)

 

Hartz IV – Wenn Kinder
keine Träume mehr haben

Elisabeth Graf1. In Deutschland müssen immer mehr Menschen mehr als nur einer Beschäftigung nachgehen. Zur Jahresmitte 2016 stieg die Zahl der Mehrfachbeschäftigten auf 3,1 Millionen an. Das sind 116.000 mehr als 2015 und so viele wie noch nie seit 2003. Die Fraktionsvorsitzende der „Linken“ im Bundestag, Sabine Zimmermann, hatte bei der Bundesagentur für Arbeit diese Statistik angefordert, die sonst wahrscheinlich noch länger unter Verschluss gehalten worden wäre.

Natürlich gehen mehr Menschen mehreren Beschäftigungen seit der Neuregelung für Minijobber nach, weil der Arbeitgeber seit 2003 für sie lediglich noch pauschalisierte Steuern und Sozialabgaben in geringer Höhe abführen muss. Waren es Mitte 2003 noch 1,4 Millionen Mehrfachbeschäftigte, gab es 2007 bereits 2,2 Millionen, 2011 schon 2,6 und 2015 gar erstmals mehr als drei Millionen. Der Anteil der Multijobber sei unter allen 36,5 Millionen Beschäftigten in Deutschland auf 8,6 Prozent gestiegen.

Hurra, es gab überhaupt noch nie so viele Beschäftigungsverhältnisse wie heute, und viele Leute haben sogar Lust auf zwei oder drei von ihnen! Dass die Bundesregierung sich nicht festlegen will, ob der Trend zu mehr Multijobbern auf wirtschaftliche Not oder persönliches Interesse zurückgehe, zeigt welch Geistes Kind sie sind: Für wen wäre es nicht spannend und bereichernd, all seinen Neigungen und Begabungen endlich folgen zu können?

Die Anzahl der Jobs steht dabei natürlich in Korrelation zur durchschnittlichen Mehrbegabung der Geringverdiener, die nichtsdestotrotz alle ihre genialen Geistesgaben ebenso miteinander in Einklang zu bringen versuchen wie das zeitliche Nebeneinander der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse mit den Schließungszeiten von Kindergärten oder Horten sowie den Fahrplänen des Nahverkehrs. Nein, diese reine Lust an der Feststellung der idealen und ideellen persönlichen Bereicherung kann selbstredend in keiner Statistik auftauchen! Was sonst könnte zu beglückendem Arbeiten noch mehr motivieren?

 

2. In Bayern wurde ein Rentner dafür verurteilt, dass er offenbar in den Abfalltonnen eines Discounters nach Essen suchte. Der 78-Jährige wurde allen Ernstes wegen „Hausfriedensbruchs“ zu einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je zehn Euro, also 200 Euro verurteilt. Dem Rentner, der monatlich nur 300 Euro zum Vegetieren zur Verfügung hat und dem außerdem eine beginnende Demenz attestiert wurde, ist es selbstverständlich völlig unmöglich, diese absurde, ungerechte Strafe zu zahlen.

Er stahl nichts, sondern bediente sich an Dingen, die als Abfall weggeworfen worden waren, die also niemand mehr haben wollte. Früher wurde der Mundraubparagraf angewandt, wenn sich hungernde Menschen zum Beispiel im Geschäft ein Stück Brot, Käse oder Wurst stahlen. Dieser Paragraf wurde leider abgeschafft. Dass heute nun jemand dafür bestraft wird, dazu in solch völlig unverhältnismäßiger Höhe, das schlägt dem Fass den Boden aus und zeugt von der Armut an Gerechtigkeit, Verhältnismäßigkeit Aufrichtigkeit, Empathie und Achtsamkeit, frei nach dem Motto: Eure Armut kotzt mich an!

 

3. Die 600. Bremer Montagsdemonstration ist sicherlich kein Grund zum Feiern, sondern zeigt, dass der Protest immer noch bitter nötig ist, aber leider meist gerade von den Betroffenen nicht geleistet werden kann, weil sich die meisten zu Hause verkriechen. Sie schämen sich und leiden unter dem Stigma angeblicher Faulheit sowie dem Fertiggemachtwerden durch viele Jobcentermitarbeiter, die ihrerseits Gelder durch unberechtigte Sanktionen einsparen müssen. Die Betroffenen werden vom Dokumentieren so vieler sinnloser Bewerbungen total in Anspruch genommen werden, können kein Geld für Bus- oder Bahnfahrten erübrigen und haben ohnehin keinen Mut mehr.

Ein Artikel von 2014 zeigt, wie diese Grundhaltung bereits auf die Kinder von Erwerbslosen abfärbt. Nach drei Jahren fallen die Zahlen wahrscheinlich noch dramatischer aus. Damals lebten in Dortmund 22.000 Mädchen und Jungen, deren Eltern Hartz IV bezogen und die täglich erlebten, dass ihre Eltern jede Kleinigkeit beim Jobcenter beantragen und bei der „Tafel“ für „abgelaufene“ Lebensmittel anstehen mussten. Der Artikel behauptet, dass Eltern für Anoraks und Winterschuhe für ihre Kinder Anträge stellen könnten. Das traf vor Einführung der Hartz-Gesetze im Rahmen der Sozialhilfe noch zu, gilt heute aber nicht mehr.

Die Zeitung entwertet die Eltern dahingehend, diese würden manchmal nicht mal die einfachsten Dinge des Alltags schaffen. Auf die Frage, welche Berufe es gebe antworteten die Kinder: „Verkäuferin bei Kik“, „Verkäuferin bei Tedi“, „Verkäuferin bei Netto“, weil sie nichts anderes kennen als das, was billig ist, wenn Eltern entweder keine Arbeit hätten oder nur solche, die nicht zum Leben ausreicht.

Der „Kinderschutzbund“ in Dortmund bemängelt zu Recht, dass Kinderarmut im Koalitionsvertrag noch nicht einmal erwähnt wird. Leider vergessen sie wie immer, dass arme Kinder nicht vom Himmel fallen, sondern mit unter der finanziellen Armut ihrer Eltern leiden, weil diese von Hartz IV oder Dumpinglohnjobs vegetieren müssen. Armut in Deutschland bedeutet auch, dass Eltern kein Geld für Windeln oder Nachhilfeunterricht haben. Den bezahlt das Jobcenter offenbar erst, wenn es ohnehin zu spät ist. Finanziell arme Kinder sind immer öfter auch wegen Bewegungsarmut und mangelhafter Ernährung so dick, dass sie motorisch unterentwickelt sind.

Wenn es für eine Familie mit zwei Kindern Freikarten für den Zirkus gebe, erfassten die Kinder ihre Armut spätestens dann, wenn Eltern kurz vor Weihnachten nicht auch noch Würstchen bezahlen könnten. Irgendwann begreife jedes Kind, dass es aus armen Verhältnissen komme, passe sich an und träume nicht einmal mehr. Als die Kinder Besuch von einem Polizeibeamten bekam, wollten die Jungen und Mädchen wissen, wie man denn Polizist werden könne. Als sie erfuhren, dass dafür Abitur und Führerschein nötig sind, sei das Interesse erloschen.

Haben diese Kinder kein Selbstwertgefühl, oder wird es permanent systematisch zerstört? Finanziell arme Kinder können weder an Feiern, Kulturveranstaltungen oder Sportevents teilnehmen. Urlaub, Theater und Kino, selbst die Geburtstagsfeier des Klassenkameraden, das geht nicht. „Immer mehr Familien leben isoliert. Bei denen gibt es nichts Unbeschwertes.“ Wie denn auch, bei der staatlich gewollten Armut per Gesetz, mit Hartz IV?

Elisabeth Graf (parteilos, aber Partei ergreifend)

 

Den Eigenanteil der Erwerbslosen an der Miete kennt die Jobcenter-Chefin nicht

Hans-Dieter Binder1. Es ist wieder einmal ein runder Geburtstag: die 600. Montagsdemo, nicht nur in Bremen, sondern auch in anderen Städten. Nun innehalten? Fazit ziehen: ja; aufhören: nein, wünschen: na klar! Wir werden weiterhin auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Wir nutzen das Offene Mikrofon und sind nachlesbar im Netz. Wir sind weder ein Verein noch eine Partei – jede(r) kann übers Offene Mikrofon Sorgen und Nöte, aber auch Positives schildern. Nazis, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus et cetera haben keinen Platz bei uns!

Letzte Woche war ich beim Plenum „Menschenrecht auf Wohnen“. Eingeladen war Susanne Ahlers, frühere Staatssekretärin im Berliner Senat und Bremer Jobcenter-Chefin seit dem 1. April 2016. Zur Vorbereitung des Gesprächs habe ich einige Zeitungsberichte zusammengestellt. Im Jobcenter hat sich also ein Füh­rungs­wech­sel vollzogen. Der „Weser-Kurier“ schreibt: „Obwohl die Doppelstruktur schon so lange besteht, knirscht es immer noch da und dort im Gebälk der Organisation. Bei der Neubesetzung des Chefpostens waren also nicht zuletzt kommunikative Talente gefragt, und mit denen kann Susanne Ahlers reichlich aufwarten. Sie betreibt seit 2008 eine Coaching-Agentur in Berlin.“

Jetzt ist sie Chefin von rund 1.000 Mitarbeiter(inne)n und für die Verwaltung von 70.000 Menschen verantwortlich. „Rund 80 Prozent aller Arbeitslosen in der Stadtgemeinde werden in den sechs Geschäftsstellen des Jobcenters betreut.“ Auf dessen Website heißt es zur Begrüßung: „‚Hartz IV‘, wie das Gesetz im Volksmund oft genannt wird, ist – bedauerlicherweise – mit einem gewissen bürokratischen Aufwand verbunden.“

Der „Weser-Kurier“ titelt am 19. Juli 2017: „Jobcenter-Chefin: Nur keine Bange machen lassen“: „‚Die Leute sollen keine Angst mehr haben, wenn sie zu uns kommen.‘ Doch genau dieses Gefühl kommt bei vielen Langzeitarbeitslosen auf, wenn sie zu ihrem Berater müssen. Ahlers weiß, dass sie und ihre Mitarbeiter gefangen sind zwischen Empathie und Vorschrift. ‚Wir sitzen am längeren Hebel.‘ Soll heißen: Sie dürfen Leistungen nicht bewilligen oder müssen sie im Ernstfall sogar streichen. Bei Leuten, die eh schon wenig haben, kommt es auf jeden Cent an. Wer davon etwas wegnimmt, macht sich nicht beliebt.“

Am 13. Dezember 2016 schreibt das Blatt: „‚Wer keinen Abschluss hat, hat häufig keine guten Erfahrungen in Bezug auf Lernen, Ausbildung und Schule.‘ Das Problem ist dabei laut Thorsten Spinn, stellvertretender Geschäftsführer der Behörde und Leiter des Bereichs Markt und Integration, gravierender als es die Zahl suggeriere. Denn selbst wer eine Ausbildung habe, könne nicht immer sofort auch im Beruf arbeiten. ‚Wenn die Lehre lange zurückliegt, ist sie überholt.‘“

Über die Veranstaltung des Aktionsbündnisses „Menschenrecht auf Wohnen“ hat der „Weser-Kurier“ ebenfalls berichtet: „Aktionsbündnis bemängelt unter anderem die 48-Stunden-Regelung. Jobcenter-Leiterin geht auf Kritik ein.“ Zur Erläuterung: Die 48-Stunden-Regelung bedeutet, dass ein Wohnungssuchender, der eine Wohnung anmieten kann, bis zu 48 Stunden auf die Entscheidung des Jobcenters und die Zustimmung warten soll. Er muss in dieser Zeit erreichbar sein.

Die Telefonanrufe für das Jobcenter Bremen werden in Verden angenommen. Die Bremer Sachbearbeiter werden von dort informiert. Die Verdener Mitarbeiter sind für mehrere Jobcenter tätig und kennen die Menschen vor Ort nicht. Auch bei einer persönlichen Vorsprache im Jobcenter erfolgt die Entscheidung nicht mehr sofort. Vorher war die Zustimmung oder Ablehnung eine Entscheidung von Minuten. Frau Ahlers wird die Anregungen „mitnehmen und prüfen“. Wir drücken ihr und uns die Daumen!

„‚Es ist ein Dilemma: Wenn wir mehr zahlen, gehen auch die Mieten hoch‘, sagt Susanne Ahlers, die Leiterin des Jobcenters. Mitunter würden die Mietverträge den Höchstsätzen entsprechend erhöht. ‚Wir versuchen aber, eine Lösung zu finden.‚“ Frau Ahlers unterstellt hier, dass die Mietrichtwerte in Bremen noch „Luft nach oben“ haben. Wieso zahlen dann die Bremer Erwerbslosen einen Eigenanteil an den Kosten der Unterkunft von rund 400.000 Euro monatlich aus ihrer Regelleistung? Diesen Betrag erstattet die Hansestadt allmonatlich weniger, als die Erwerbslosen für ihre Miete ausgeben müssen.

Zu den Mietrichtwerten ist in Bremen keine Wohnung anmietbar, schon lange nicht mehr. Die Mietrichtwerte werden vom Jobcenter dennoch als absolute Obergrenze gehandhabt. Eine Folge davon ist der genannte Eigenanteil der Erwerbslosen in Bremen an den Kosten der Unterkunft. Ich habe Frau Ahlers danach gefragt, es war neu für sie. Insgesamt wurde auch hier deutlich, wie weit die von Frau Ahlers dem „Weser-Kurier“ genannten Ziele und guten Vorsätze von der Wirklichkeit entfernt sind.

Auch das Wegnehmen von Geldleistungen, das Kürzen ist allgemein üblich. Den Eigenanteil zur Miete müssen die Bedarfsgemeinschaften, früher Familien genannt, vom Existenzminimum abknapsen! Mit dem Vorwurf, dass Mietverträge mit überhöhten Mieten ausgefertigt werden, habe ich keine Erfahrung. Frau Ahlers hat aber wirklich gute Vorsätze, und ich hoffe, sie setzt diese auch um und damit durch! Es gibt Jobcenter, wo die Erwerbslosen mit den Mitarbeiter(inne)n so umgehen können: gemeinsam und lösungsorientiert, auf Augenhöhe.

Die Anwesenden thematisierten die mangelnde Erreichbarkeit und andere allgemeine Reibungspunkte. Konkrete Beanstandungen wird sich Frau Ahlers ansehen und abklären. Nehmt Frau Ahlers am Wort! Sie ist per Mail über Jobcenter-bremen.geschaeftsfuehrung(at)jobcenter-ge.de zu erreichen. Es wird ein Folgegespräch geben, dazu bringt Frau Ahlers ihre Fachleute mit.

 

2. Wer bereits eine Wohnung hat und dafür einen Eigenanteil zur Miete zahlt, kann dies ändern. Einfach an das Jobcenter schreiben: „Ich beantrage hiermit die volle Erstattung meiner Kosten der Unterkunft“. Wenn das Jobcenter ablehnt oder auch, wenn die Bearbeitung zu lange dauert und der Magen knurrt, die Hilfe des Sozialgerichts beantragen. Wenn eine Ablehnung erfolgt, in jedem Fall die Widerspruchsfrist gemäß Bescheid einhalten und den Widerspruch nachweisbar abgeben. Die Hilfe des Gerichts kann bereits vor der Entscheidung über den Widerspruch beantragt werden. Dazu ist notwendig, dass der Mensch seine Betroffenheit schildert. Er muss darlegen, wie es zu dem Eigenanteil gekommen ist, welche Möglichkeiten er hatte und dass die Mietobergrenzen nicht zu einer erreichbaren Wohnung führen.

Die Hilfe ist mit einem Eilverfahren schneller zu erreichen, wie auf unseren Seiten nachzulesen ist. Allerdings hat das Landessozialgericht den Zugang zum Eilverfahren erschwert. Die Mitarbeiter(innen) der Rechtsantragsstelle des Sozialgerichts wissen sicherlich um diese zusätzlichen Begründungen und Ausführungen. Wie sieht nun die bisherige Rechtsprechung zu den Kosten der Unterkunft in Bremen aus? Es gab dazu bisher noch kein ordentliches Gerichtsverfahren in der Hauptsache vor dem Sozialgericht Bremen.

Es waren zwei Termine zur Hauptverhandlung gefunden und Gutachter geladen worden, doch dann konnte der Termin kurzfristig abgesetzt werden, weil das Jobcenter die Kläger klaglos gestellt hat, indem es deren Forderungen erfüllte und die tatsächliche Miete akzeptierte. In einem Eilverfahren wurde das Jobcenter per Beschluss verpflichtet, die tatsächlichen Unterkunftskosten zu erstatten. Dieser Beschluss wurde vom Landessozialgericht aufgehoben, denn inzwischen hatte das Jobcenter die tatsächlichen Unterkunftskosten akzeptiert. Somit musste das Landessozialgericht nicht mehr darüber entscheiden.

Das Landessozialgericht hat nun die Hürden für die gerichtliche Unterstützung im einstweiligen Rechtsetzungsverfahren erhöht. Um diese Hürde zu nehmen, ist es bei der Klage notwendig, auf die eigenen Erfahrungen bei der Wohnungssuche einzugehen sowie auf die Tatsache, dass den Mietobergrenzen kein schlüssiges Konzept zugrunde liegt, schon weil es diese Wohnung nicht gibt. 2010 wurde ein Gutachten erstellt, konnte aber nicht verwendet werden. Es gab viele Änderungen, jedoch keine Nutzung. 2013 wurden die 2010 ermittelten Werte hochgerechnet und neue Zahlen erhoben. Daraus resultieren die jetzigen Mietobergrenzen gemäß Verwaltungsanweisung vom 1. April 2014.

Die Rahmenbedingungen für die variable Anwendung der Mietobergrenzen wurden nicht veröffentlicht. Die Firma „Gewos“ hat seinerzeit zwei Mal Berichte über die angemessenen Kosten der Unterkunft erstellt. Beide wurden von den Gerichten zerlegt. In der zweiten Instanz war die Geschäftsführerin von „Gewos“ als Gutachterin geladen. Dies wäre aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen heute nicht mehr möglich. 2010 sollte damals das Gutachten fertig sein. Jetzt soll das neue Gutachten auf der Sitzung der Sozialdeputation im Februar 2017 vorgestellt werden. Die Sitzung im Januar fällt aus.

Donald Trump hat derweil schon vor seinem Amtsantritt die Weichen für die Demontage des Projekts „Krankenversicherung für alle“ gestellt: Die US-Bürger werden eine soziale Absicherung leider wieder los, mit allen negativen Folgen. Dieses Projekt war nicht perfekt, aber trotzdem eine wesentliche Absicherung für Menschen mit wenig Geld. Reiche Menschen brauchen diese Absicherung nicht!

Weitere Informationen erhalten Sie durch Nutzung der Suchmaschine auf unserer Homepage, einfach mal ausprobieren! Die Beachtung der sozialen Auswirkungen wird immer zwingender. Wir arbeiten daran! Die Frage „Was kann ich machen?“ ist einfach zu beantworten: Wir haben auf dem Marktplatz noch viel Platz und ein Offenes Mikrofon. Wir sind gespannt auf Ihre Meinung und Erfahrung! Montagsdemo, Kopf zeigen: Ich will die Zukunft lebenswert gestalten!

Hans-Dieter Binder („Die Linke“, „so:leb – Sozialer Lebensbund“)
www.Bremer-Montagsdemo.de – 17:30 Uhr am Marktplatz