SPIEGEL ONLINE - 04. August 2005, 17:19
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Linkspartei
Ein Bisky auf
Rügen
Von Sebastian Christ
Auf seiner "Bädertour" an der Ostseeküste poltert Lothar Bisky gegen Hartz
IV und schürt Stimmung gegen Schröder. Doch immer wieder muss der
Linkspartei-Chef sich mit Staus, Störern und Stalinisten herumplagen.
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DDP
Parteichef Lothar Bisky: Linkspartei als wahre
Opposition |
Glowe - Wo ist Bisky?
Eigentlich sollte er schon längst mit dem Mikrofon in der Hand ins Publikum
grüßen. Lächeln, freundlich sein, Sommersprüche klopfen. Doch dann war die
Bundesstraße auf Rügen mal wieder dicht wie ein verkorkter Flaschenhals. Eine
Stunde Verspätung. Und ausgerechnet jetzt, wo es endlich losgeht, ist der
Bundesvorsitzende der Linkspartei irgendwo im Gasthaus nebenan verschwunden.
"Genosse Lothar, Genosse Lothar!", trompetet die Moderatorin über die
Lautsprecheranlage. "Der telefoniert", ruft eine Dame von der anderen Seite.
Sekunden später trabt er durch das Publikum, lässt sich kurz feiern und reiht
sich in den Halbkreis der Politikergesichter ein.
Heute Glowe, morgen
Sagard: Bisky ist auf Sommertour durch die Republik und macht Station auf Rügen.
Die Linkspartei will mit Menschen ins Gespräch kommen, sagt Bisky. Sie davon
überzeugen, dass Schröders Reformwerk "Unsinn" ist. Im Nordosten stehen die
Chancen dafür nicht schlecht. Mecklenburg-Vorpommern hat 22 Prozent
Arbeitslosigkeit, hier sind Zehntausende von Hartz IV betroffen. Zwar sitzt die
Linkspartei, vormals PDS, seit 1998 in der Landesregierung, aber sie schafft es
trotzdem, populär zu bleiben.
"Ich kann auf Ellenbogen
verzichten"
An der kleinen Promenade, ein paar Meter vom Sandstrand
entfernt, hat die Linke eine kleine Wahlkampfburg aus dem Boden gestampft. Ein
Rechteck von vielleicht 10 mal 30 Metern aus Tischen, Autos und Zelten. An den
Außenseiten baumeln rote Werbeballons, die von Helfern mit Druckluft befüllt
werden. Vorne links, neben einem Wohnwagen mit alten PDS-Sonnenschirmen, stehen
die Politiker. Um sie herum, im Halbkreis mit Respektabstand, das Publikum.
Meist ältere Menschen, einige von ihnen auf Krücken gestützt. Auch Touristen,
die den Auftritt von Bisky einfach mal mitnehmen wollen, bevor sie in der Ostsee
planschen gehen.
Genosse Lothar freut sich. Über Rügen, die Rügener und
die jüngsten Erfolge seiner Partei. "Wenn ich vor einem Jahr jemandem gesagt
hätte, dass wir in Bayern bei sechs Prozent liegen, dann hätten die Leute wohl
einen Arzt gerufen." Das ist einer Touristin mit westdeutscher Klangfärbung zu
viel. "Schön ist, wenn in solchen Fällen der Arzt nicht kommt", sagt sie. Ein
älterer Mann aus Ostdeutschland fragt, was die neue Linkspartei denn "gegen den
Sozialismus" habe, warum man das Wort aus dem Parteinamen gestrichen habe. Keine
Antwort.
Bisky macht lieber Wahlkampf: "Jeder, der Arbeit will, soll auch
Arbeit finden können. Ich kann auf Ellenbogen verzichten", sagt er.
Szenenapplaus. Danach Standardtiraden gegen Hartz IV und Agenda 2010. Davon lebt
seine Partei. Auf die spezifisch ostdeutschen Probleme geht er kaum ein. Er
denkt inzwischen größer. "Wir wollen eine echte Opposition im Bundestag sein",
so seine Formel.
"In Nordkorea gibt es wenigstens noch
Sozialismus"
Kaum zwanzig Meter von Bisky entfernt hat eine weitere
Partei ihren Stand aufgebaut. Direkt neben den Werbern der Zeitung "Neues
Deutschland", in Sichtweite der Linkspartei-Prominenz. Die beiden älteren Herren
hinter dem Holztisch kommen von der KPD, einer radikalen Splitterpartei aus der
Konkursmasse der SED. Sie haben ihre Fahne gehisst. Marx, Engels und Lenin auf
sattrotem Hintergrund mit senfgelben Buchstaben. Das Banner taumelt im
Küstenwind. Mal schauen die Klassenkampf-Ikonen nach Westen, mal nach
Osten.
Auf dem Tisch liegen Werke von Kim Il Sung, dem "Großen Führer"
der nordkoreanischen Steinzeit-Stalinisten, sowie das Buch "Führer des Volkes"
von Kim Jong Il. "Die haben da ja wenigstens noch Sozialismus", kräht einer der
beiden Herren, der sich als Vorsitzender der KPD ausgibt. "Da müssen sie mal
nach Nordkorea fahren, dann werden sie sehen, dass alles falsch ist, was über
das Land berichtet wird." Er selbst will schon dort gewesen sein. Seine Augen
glühen vor Erhabenheit. "Da trifft man vernünftige Leute."
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DDP
Bisky und Gregor Gysi: "Linke Zukunft ohne
Stalinismus" |
Bei der Linkspartei
rümpft man die Nase über die linke Konkurrenz. "Ich habe die nicht eingeladen",
knurrt Jürgen Seidel vom Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern. "Da müssen sie
den Herrn Becker vom Ortsverband fragen."
Thorulf Becker,
Sieben-Tage-Bart, Sturmfrisur, Silberclip im Ohr, hat den Parteinachmittag in
Glowe organisiert und die KPD-Aktivisten mit ins Boot geholt. "Es geht darum zu
zeigen, dass viele verschiedene Meinungen unter einen Hut zu bringen sind", sagt
Becker. "Ich freue mich über jeden, der links denkt und seine Bereitschaft
zeigt, linke Politik zu machen," doziert er. "Wir betrachten die KPD nicht als
radikale Partei, die eine gesellschaftliche Entwicklung umstoßen will. Sie
wollen verändern, wir wollen verändern."
Sekunden später ist ihm die
Präsenz der Altkader wohl doch ein wenig peinlich. "Gehen sie davon aus: Als wir
die Veranstaltung planten, war das nicht als Bundeswahlveranstaltung
gedacht."
Bisky will zuerst gar nicht richtig auf das Thema eingehen.
Später wird er sagen, dass die Linke nur eine Zukunft "ohne Stalinismus" hat.
Der Parteichef läuft mit einem Fischbrötchen in der Hand über die Promenade und
beantwortet im Vorbeigehen die Fragen der Menschen.
"Dass der Bisky
gekommen ist, hat mich nicht so sonderlich beeindruckt", sagt Frank Michael
John, 18 Jahre alt und Mitglied der Linkspartei. "Aber er hat ja Recht mit dem,
was er sagt." Frank hat gerade Sommerferien. In einer Woche geht die Schule
wieder los. Andere erholen sich in dieser Zeit, manche bereiten sich aufs neue
Schuljahr vor. Er macht Wahlkampf. "Ich will nicht, dass Studieren nur noch für
Reiche ist. Ich könnte mir es dann nicht mehr leisten."
Um zwei Uhr sind
die Promis weg, und das Häuflein Aktivisten ist wieder allein mit den
Infoständen. Der Strand ist trotz bewölkten Himmels gut besucht. Auch nebenan,
bei Schabys Imbiss-Stand, sind alle Tische belegt. Rote Grütze für 1,50 Euro,
der Cuba Libre 3,80 Euro. Der einsamste Fleck weit und breit ist der grau
gepflasterte Platz inmitten der linken Wahlkämpfer.
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