13. Bremer Montagsdemo
am 08. 11. 2004  I◄◄  ►►I

 

Die Würde des Menschen
ist (un)antastbar!?

Arbeitslosigkeit statt Arbeitslose bekämpfen

'Kürzen, wo es nicht weh tut'Für soziale Gerechtigkeit
gegen Ausgrenzung und Armut
für Chancengleichheit
gegen Benachteiligung
für gerechtere Steuertarife
gegen Sozialabbau
für Arbeits- und Ausbildungsplätze
gegen Zwang
 
Tenever-Kundgebung im Rahmen
der Montagsdemonstration
Montag, 8. November 2004
17:30 Uhr Bahnhofsvorplatz
16:30 Uhr Haltestelle
Neuwieder Straße (Treffen)
 
Menschen aus Tenever melden
sich zu Wort: Wir wollen nicht, dass
Arbeitslose und Schwache immer
mehr an den Rand gedrängt werden
 

Flugblatt von Gabi-Grete Kellerhoff
(„Arbeitskreis Tenever“)

 

Tenever-Demo gegen Armut

Der Stadtteil Tenever steht heute im Mittelpunkt der „Tenever-Kundgebung für soziale Gerechtigkeit gegen Ausgrenzung und Armut“ auf dem Bremer Marktplatz. Die Kundgebung findet nach Angaben des „Arbeitskreises Tenever“ im Rahmen der Montagsdemo statt. Vergangenen Montag hatten daran rund 80 Personen teilgenommen. Die Veranstalter erwarten zum Jahresbeginn 2005 mehr Teilnehmer(innen) – wenn die Hartz-Reformen greifen.

Tageszeitung Bremen“ vom 8. November 2004

 

Wer keine Kündigung hat
bekommen

Ursula GatzkeDer wird verdammt schändlich ausgenommen! Was die Menschen sich über viele Jahre hindurch hart erkämpft haben, denn wir sind fleißig wie die Bienen gewesen, das fegt ihr da oben weg mit eurem ungerechten Geizhals-Besen! Pfui!

Ihr Nieten dort oben könnt euch so richtig im Geld austoben! Habt ihr vergessen, wer euch hinauf in den Sessel gehoben? Kleine Leute mussten euch nach oben hieven! Heute kommt ihr daher mit Kündigungsbriefen! Pfui!

Ihr dort oben kriegt euren Hals niemals mehr voll! Wo das nur noch einmal hinführen soll? Ihr schämt euch nicht für das Benehmen wie Herren der Sklaverei! Man sieht es immer wieder, die dort unten sind euch einerlei! Pfui!

Ihr nehmt das Weihnachtsgeld, ihr nehmt das Urlaubsgeld, für weniger Lohn wird nun Arbeitskraft geklaut, so lange, bis euch jemand auf die Finger haut! Wenn der Mensch kaum noch was hat zum Leben und Beißen, dann kann er auf eure Almosen scheißen! Pfui!

Passt aber nur dort oben auf, dass es euch nicht geht wie vor grauer Zeit, denn hier unten macht sich längst schon der Unmut breit! Der Krug geht zu Brunnen, so lange, bis er bricht! Wo habt ihr euren Verstand? Ihr sitzt doch im Licht! Pfui, pfui, pfui!

Ursula Gatzke (parteilos)

 

„Kosten auf zwei Beinen“

Die Sozialverbände, Gewerkschaften und alle anderen, die über Beschäftigungsträger Ein-Euro-Jobs anbieten, haben ihre wirtschaftlichen Interessen über ihr soziales Gewissen gestellt!

Der neue Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt und parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Wilhelm Schmidt nennt die AWO einen „Konzern in der Sozialarbeit“. Aber für einen Konzern sind Menschen nur „Kosten auf zwei Beinen“!

Erich SeifertWahrscheinlich steht er deshalb den Ein-Euro-Jobs so positiv gegenüber. Wilhelm Schmidt erklärte, auf diese Weise werde zahlreichen Leuten zu einer Arbeit verholfen. Doch wie viele von den 145.000 Beschäftigten der Arbeiterwohlfahrt werden durch Ein-Euro-Jobber ersetzt?

Armut ist in diesem Land zu einer Wirtschaftsware verkommen, und auf die Konzerne der Armutsindustrie wird ein Kostendruck durch Ein-Euro-Jobs ausgeübt, der vielen Tausend regulären Arbeitsplätzen den Garaus machen wird!

Doch auch auf die noch beschäftigten Arbeitnehmer wird Druck ausgeübt. Hand in Hand mit den Gewerkschaften haben die Konzerne die Spirale der Lohnabsenkung in Gang gebracht. Für den deutschen Arbeiter ist es die Aktie des Bösen: die von VW, Karstadt-Quelle oder General Motors!

Immer weniger Geld für immer mehr Arbeit: Das ist ein wirtschaftspolitischer Trugschluss. Wenn es stimmen würde, dass es mehr Arbeitsplätze gibt, je weniger der Arbeiter kostet, hätten wir in Afrika Vollbeschäftigung!

Letzten Dienstag berichtete der „Weser-Kurier“ unter dem Titel „Bezahlbarer Wohnraum wird knapp“ über die Auswirkungen von Hartz IV auf die Lage von ALG-II- und Sozialgeldbeziehern, dass jeder, dessen Miete zu hoch sei, binnen eines halben Jahres die Wohnung wechseln müsse, sonst werde der übersteigende Betrag von den 345 Euro der Lebenshaltungspauschale abgezogen.

„Lebst Du noch, oder gräbst du schon?“ – Gerhard Schröder hat uns versprochen, dass Hartz IV Arbeitsplätze schaffen werde, und wirklich: Bei zunehmender Kriminalität und Suizidrate werden wir in diesem Land mehr Polizei und Totengräber benötigen.

Erich Seifert (parteilos)

 

Die Zwangsarbeiterwohlfahrt

Matthias BrittingerEs ist Weltspartag, und die AWO spart mit: Sie tauscht reguläre Arbeitsplätze gegen Ein-Euro-Jobs!

Über ihre Wurzeln schreibt die AWO, ihre in der Arbeiterbewegung verankerten Grundwerte seien Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität. Damit ist jetzt Schluss! In den letzten Jahren hat die AWO 6.000 Arbeitsplätze abgebaut. Dank Hartz IV will die AWO jetzt 2.500 Arbeitsplätze neu anbieten. Das heißt: Die AWO ersetzt reguläre Arbeitsplätze durch Zwangs- und Pflichtarbeit!

Angeblich misst die AWO ihre Leistungen an einer Nutzenoptimierung, die zu Gunsten und nicht zu Lasten der Arbeiter geht. Tatsache ist: Durch die Nutzung der Ein-Euro-Jobs arbeitet die AWO nach den Methoden eines Großkonzerns. Billiglohn statt sozialer Verantwortung!

Angeblich betreibt die AWO eine präventive und nachhaltige Sozialpolitik, die dazu beiträgt, gesellschaftliche Ausgrenzung zu vermeiden und zu bekämpfen. Tatsache ist: Die AWO verstößt mit ihrer aktuellen Politik gegen die Menschenrechte! In der Menschenrechts-Charta der UN heißt es im Art. 2, Abs. 1: „Als Zwangs- oder Pflichtarbeit gilt jede Art von Arbeit, die von einer Person unter Androhung irgendeiner Strafe verlangt wird und für die sie sich nicht freiwillig zur Verfügung gestellt hat.“

Deshalb fordern wir die Teilnehmer am AWO-Kongress auf: Bekennen Sie sich zu den Ursprüngen Ihrer Organisation, die aus der Arbeiterbewegung entstanden ist! Setzen Sie Ihr Motto „Soziale Demokratie im Wandel“ um und hören Sie auf, sich am sozialen Abbau zu beteiligen! Kämpfen Sie mit uns für den Erhalt der sozialen Rechte! Stoppen Sie die Umverteilung von unten nach oben! Tragen Sie Mitverantwortung für die auch im Grundgesetz verankerten Menschenrechte, denn die Menschenwürde ist ein unveräußerliches Recht und unantastbar!

Matthias Brittinger (parteilos)

 

Parolen

 

Eins! Zwei! Drei! und Vier!
Die Hartz-Gesetze kippen wir!
Fünf! Sechs! Sieben! Acht!
Mit Kürzen wird jetzt Schluss gemacht!

Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Hier kommt die Montagsdemonstration
Wir fordern: Weg mit ‚Hartz IV‘!
Das Volk sind wir!

Volk, das ist wer leiden muss
An der Obrigkeit Beschluss:
Vom Tarif zu ‚Hartz IV‘ –
Heute wir, morgen ihr

Arbeit für viele, Gewinn für manche –
Aber wir sind Abzocker?
Der Kanzler schürt Ängste,
Damit wir verzichten!

 

Schröder in den Arbeitsdienst,
Köhler in den Plattenbau,
Clement in die Produktion –
Aber nur zu Billiglohn!

Schröder, Fischer, Merkel
Sind soziale Ferkel!
Schröder, Fischer, Stoiber
Sind die gleichen Roiber!

Rührup, Sinn und Lauterbach
Täuschen uns gewissenschwach!
Sie selber verdienen top –
Für uns der Ein-Euro-Job

Schmerzfrei und satt
Stellt ihr an uns Forderungen –
Immer auf die Gleichen!
Klaut mal von den Reichen!

 

Keine Schonung hoher Gewinne und
Vermögen vor Besteuerung!
Keine Schonung hoher Einkommen
Durch Abgabenbegrenzung!

3 45 Euro für die Arbeitslosen –
246 Mio für den Space-Park!
Keine Schonung von
Politikern bei Verschwendung!

5000 qm: zu klein für ein Kaufhaus –
50 qm: zu groß für Entlassene!
Keine Schonung von
Managern bei Konkursen!

Arbeitsplatz wegsaniert –
Aber ich soll nicht jammern!
Scheißjob zumutbar,
Ausbildung sinnlos, Kinda pisa

 

Ein-Euro-Jobs: Beschäftigung
Als Sanktion für eine Hungerration –
Ein Leben lang Fron –
Im Alter kein Lohn!

Für Verkürzung der Arbeitszeit –
Arbeit ist ungerecht verteilt!
Vergeblich die Vermittelei –
Es ist gar keine Stelle frei!

Ein Euro Stundenlohn trotz Qualifikation?
Das ist Zwangsarbeit!
Sklavenhalter zahlten Steuern in Rom,
Bei uns kriegen sie Subvention

Keine Alternative?
Und nur Zwangsarbeit kann uns retten?
Nie mehr nein sagen dürfen
Ist vergewaltigt werden

 

Für Zusammenlegung der Sozialhilfe
Mit der Sterbehilfe!
Für die Umbenennung
Von ‚Hartz IV‘ in ‚Reich IV‘!

Erfolgreiche Stellensuche
Beginnt mit Freiwilligkeit!
Für Niedriglohn und Zwangsarbeit
bleibt uns leider keine Zeit!

Zwangsarbeit ist kein Unwort,
Zwangsarbeit ist verboten!
Euer Zwang heißt ‚Förderung‘,
Unser Dank ist Widerstand!

Für Mindestgeld zur Sicherheit!
Schluss mit Schüren von Daseinsangst!
Für den Fortschritt der Gesellschaft,
Sonst Streik und Stillstand, bundesweit!

 

Verleger, spart euch das Geschwätz!
‚Hartz IV‘ ist Armut per Gesetz!
Ihr wollt uns kleinrechnen und
Totschweigen! Ihr seid Feiglinge!

Auf antifaschistischer Grundlage:
Wir reden Klartext
Am offenen Mikrofon –
Es gibt keine Opposition
Außer der Montagsdemo

Montagsdemonstration
gegen Sozialkahlschlag –
Montagsdemo gegen
Bildungsabbau und Entwürdigung –

Montagsdemo gegen
Verarmung und Zwangsarbeit –
Montagsdemo gegen ‚Hartz IV‘

Gerolf D. Brettschneider (parteilos)

 

Auf dem Arbeitsamt
früh um halb neun

Ob du’n Job kriegst oder kriegst keun’?
Amüsierst du dich aber wirklich nicht,
Auf dem Arbeitsamt früh um halb neun?

 

Wer auch immer am helllichten Tag
Den Computer im Amt hat befragt,
Ist ein armer Wicht, denn ein Job kommt nicht,
Auf dem Arbeitsamt früh um halb neun!

Arbeitslosenzentrum Tenever“ („Auf der Reeperbahn“)

 

Einheizende Samba

Schweigeminute für getöteten Atomkraftgegner

Die 13. Montagsdemo begann um 17:30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz mit einheizenden Sambarhythmen, Liedern, Gedichten und Berichten zur Lebenssituation der Arbeitslosen in Tenever. Gekommen waren zahlreiche Bewohner dieses Bremer Stadtteils, so dass über 250 Menschen da waren. Das lockte auch zahlreiche Passanten heran.

An der Kundgebung und der anschließenden Demonstration nahmen wieder einige junge Punks teil, mit denen wir die Auseinandersetzung um das Auftreten ohne Alkohol führten. Wir konnten sie mit „Keiner schiebt uns weg“, weiteren Liedern und aktivem Parolenrufen einbinden und an schädlichen Provokationen hindern.

Zu Beginn der Schlusskundgebung gedachten wir Sebastians, des beim Castor-Transport in Frankreich überfahrenen jungen Atomkraftgegners, mit einer Schweigeminute. Ein Beitrag informierte über die neuerliche Kündigung eines aktiven Opel-Streik-Kollegen und forderte zu weiterer Solidarität auf.

Rote Fahne News
www.Bremer-Montagsdemo.de – 17:30 Uhr am Marktplatz